Leben und

lernen

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AUF DEM

WEG ZU MIR

«Wissen aus Büchern reichte mir nie aus, ich musste die Dinge immer selbst erfahren und ausprobieren»

Als sozialer Stadtmensch lebe ich ein Leben, das seine Annehmlichkeiten hat. Und gleichzeitig bin ich ein Wesen aus der Natur und in der Natur. Das ist für mich kein Widerspruch. Zwar wohne ich da, wo auch andere Menschen sind, auf den Strassen wachsen keine Bäume, aber die Natur steckt trotzdem in mir. Dies ist ein Grundsatz in meinem Leben, an den ich fest glaube. Und dann lag ich mit meinem ersten Kind in den Wehen. Das war der Moment, wo alle meine Ansichten über meinen Platz in der Natur fundamental überprüft werden sollten. 

Eine fundierte Vorbereitung auf die Geburt hatte ich nicht in Betracht gezogen, denn ich war der Meinung, dass das Kindergebären ein Teil des natürlichen Zyklus der Natur ist. Natürlich ist natürlich, und ich muss daher nicht recherchieren und mich nicht vorbereiten. Das Resultat war in jeder Hinsicht eine zutiefst schmerzhafte Erfahrung, und mein Weltbild und Menschenverständnis waren erschüttert. 

Sollte es tatsächlich so sein, dass der Mensch als selbsternannte Krönung der Schöpfung einen Konzeptfehler hatte? Der Mensch wäre das einzige Wesen auf diesem Planeten, dessen Weibchen die Geburt nicht selber hinbekommt. Der Mensch kann alles, aber er braucht Hilfe bei seiner Fortpflanzung? Das konnte ich nicht glauben. Dieses Schlüsselerlebnis hallte nach, bis ich zum zweiten Mal schwanger war.

Das Wissen, der Archetyp zum Thema Geburt und Mensch, den ich suchte, den gibt es, soviel war klar. Aber nicht vor meiner Haustüre und nicht in meiner Gesellschaft. Ich beschloss, einen neuen Weg einzuschlagen. Die Erfahrung, die ich gemacht hatte, entsprach nicht dem, was die Natur für uns vorgesehen hat, dies würde ich beweisen. Ich wollte die Geburt, die mein Urinstinkt anzeigte und nicht das was ich erlebt hatte.

 

Wenn ich mich auf etwas einlasse, dann immer komplett. Tief in die Welt hineinzugehen bedeutet für mich, die Erfüllung eines Projektes zu sehen, die sich am Ende dieses Weges abzeichnet. Also begann ich zu recherchieren. Doch, zur natürlichen Geburt, sind meine Alternativen im Internet ganz schnell nackte Singkreise und Badewannen im Niemandsland. Ich wollte aber nicht gleich eine neue Gesellschaft, oder irgendwelche neuen Freunde. Es eröffnete sich mir eine Welt, mit der ich mich nicht identifizieren konnte, und es war nicht einfach, darin meinen eigenen Weg zu finden. 

Atmung und Hypnose-Technik waren letztlich der Schlüssel und der richtige Weg in meinem Fall. Dank intensiver Vorbereitung habe ich es dann geschafft, minimalst schmerzhaft, natürlich und friedlich zu gebären. Für mich als weibliches Wesen war das der Beweis: Wir sind richtig konstruiert, so wie wir sind, wir können das! Die Natur regelt alles perfekt. Wenn man das entsprechende Vertrauen aufbauen kann.

Dieser Gedanke und dieses Wissen begleiten mich seither. Als sich mein Kind an einer Brennnessel verletzte und ich schnell googeln musste, was dagegen hilft, fand ich Spitzwegerich. Nun gut, ich kannte die Pflanze, aber wo kriegte ich sie so auf die Schnelle her? Beim näheren Betrachten der Wiese erkannte ich unweit der Brennnessel die Spitzen und markant geaderten Blätter des Wegerichs.

 

Die Natur präsentiert Problem und Lösung in einem. Das fasziniert mich bis heute. Es ist immer der ganzheitliche Ansatz, der mich interessiert. Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Hinterfragen, ausprobieren, feststellen, was nicht klappt und warum, das sind die Eckpfeiler meines Lebens. Dabei dreht sich alles um ein Thema: Authentizität. Das Leben authentisch leben und damit durchaus ein Risiko eingehen. Wenn neue Wege und neue Perspektiven auf taube Ohren stossen, stimmt der Zeitpunkt nicht. Aber der richtige Zeitpunkt kommt immer. Ich kann warten.